Kindern eine Zukunft geben

Rhein-Zeitung vom 05.11.2005

Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Jede zweite Familie hat weniger als einen Euro pro Tag zum Leben, zum Überleben. Eine Hütte aus Wellblech oder Bambus ist oftmals der einzige "Luxus". Viele Menschen können weder lesen noch schreiben, und die Eltern haben kein Geld, dies wenigstens ihren Kindern zu ermöglichen. Bildung aber ist die einzige Chance für eine bessere Zukunft. Unsere Leser können helfen.

Wer durch Bangladesch reist, erlebt ein Land mit vielen Gesichtern. Da begeistern Schönheiten wie das leuchtende Grün der Reisfelder oder die bunten Saris der Frauen. Da herrscht eine nie endende Hektik zwischen Rikschas und überfüllten Bussen. Und da schockieren Elend und Armut, vor allem in den entlegenen Dörfern: in Häusern ohne Strom und Wasser, bei Menschen ohne Hoffnung.

Elvira Greiner, die Vorsitzende der Andheri-Hilfe Bonn, ist zum wiederholten Mal ins "Land der Bengalen" gekommen. Diesmal will sie gemeinsam mit unserer Aktion HELFT UNS LEBEN die Möglichkeit für ein wegweisendes Projekt ausloten: eine Ausbildung für Jugendliche in den ärmsten Regionen. Dort, wo die Schulpflicht nur auf dem Papier steht - und von den wenigsten gelesen werden kann.

Erprobte Ansätze für "Mobile Trade Schools" (MTR), für mobile und flexible Ausbildungskurse, gibt es bereits. Weitere Angebote sollen mit Spenden unserer Leser finanziert werden, vor allem in abseits gelegenen Dörfern bei den Ureinwohnern.

Den jungen Menschen wird dabei nichts übergestülpt. Die Kurse orientieren sich an ihren Bedürfnissen und an denen der Menschen im Dorf - den späteren Kunden. Mechaniker werden ausgebildet, damit sie Fahrräder, Rikschas und landwirtschaftliche Maschinen reparieren können. Mädchen lernen nähen und aus Bambus Gebrauchsgegenstände zu fertigen. Berufe, die den Lebensunterhalt sichern. Scheinbar winzige Schritte aus großem Elend, doch sie können ein ganzes Leben verändern.

Mit Hilfe unserer Leser soll jetzt die neunmonatige Ausbildung neben der Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten in Theorie und Praxis auch Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln. Für die Caritas als lokalem Partner ist dies Erschwernis und Herausforderung zugleich.

Allein die Fahrt in die schwer zugänglichen Dörfer der Ureinwohner ist ein Abenteuer, aber die Caritasleute wissen: Sollen junge Menschen die Chance auf ein besseres Dasein haben, kann dies nur über (Aus-)Bildung gelingen. Nicht über Almosen, nicht im Gefühl, Bettler zu sein, sondern durch die Vermittlung eines neuen Selbstwertgefühls.

Wie der Erfolg aussehen kann, zeigt der Besuch der Textilfabrik "Square" nördlich der Hauptstadt Dhaka. 175 junge Frauen und Männer haben hier nach ihrem MTR-Abschluss eine Anstellung gefunden. Der Direktor lobt die Zusammenarbeit mit der Caritas und ist glücklich, die engagierten Absolventen zu haben. Die Firma steht für Qualität, die auch von bekannten deutschen Firmen geschätzt wird. Umgerechnet 40 Euro verdienen die Mitarbeiter im Monat und können so ihre Familien unterstützen. Die Entfernung von der Heimat ist allerdings der Preis.

Im Mymensingh-Distrikt im Nordosten von Bangladesch lebt die Minderheit der Garos. Eine nach der Monsunzeit von tiefen Löchern unterspülte Straße führt nach Bhaluka, das aus 37 verstreuten Dörfern besteht. Wir besuchen die Familie von Kiron, die in einem kleinen Lehmhaus wohnt. Der Vater humpelt auf zwei Krücken, nach einer verschleppten Infektion musste ihm der linke Unterschenkel amputiert werden, jetzt kann er nicht mal mehr als Tagelöhner arbeiten. Wie soll er da seine hungernde Familie ernähren?

Dann wurde die Tochter in die "Mobile Trade School" aufgenommen und bekam anschließend eine Anstellung in der erwähnten Textilfabrik. Nun gibt sie ihren Eltern hin und wieder ein paar Taka ab, obwohl sie das Geld dringend für die eigene Familie braucht. Deshalb muss Kirons Frau noch als Tagelöhnerin arbeiten, für 50 Taka (1 Euro) am Tag, und das nicht mal regelmäßig. Freude empfindet die von Schmerzen geplagte Frau, deren Alter auf 50 geschätzt wird und deren Aussehen eher dem einer 70-Jährigen gleicht, schon lange nicht mehr. "Was ist das Leben für uns?" Sie schaut zu Boden. Ihr Mann erzählt lächelnd, dass er auf die kleine Enkelin Bobita aufpasst, wenn deren Mutter in der Fabrik ist - neue Aufgaben und Chancen verlangen nach einem neuen Rollenverständnis.

In dem kleinen Dorf Jhenaigati, im Norden fast an der bengalisch-indischen Grenze gelegen, sind einige Mädchen und Jungen bereits auf einem guten Weg. Auch die 16-jährige Minarani. Sie hat gelernt, aus Bambus Körbe und die in der Schwüle dringend benötigten Wedler zu machen. Stolz zeigt Minarani ihre fertigen Werke, gearbeitet wird zu Hause in der Lehmhütte. Und da ist Shumon, der Mechaniker werden möchte. Als erstes hat er sein eigenes Fahrrad repariert, später will er eine Werkstatt aufbauen und vom Verdienst seine Eltern ernähren.

Die "Mobile Trade School" des Dorfes ist in drei Wellblechhütten untergebracht, hier werden zum Beispiel Mechaniker, Näherinnen und Flechterinnen ausgebildet. Mit leuchtenden Augen erzählt ein Vater, dass seine Tochter für ihn ein Shirt genäht hat. "Ich habe gesehen, dass sie das kann - das hat mich glücklich gemacht." Für die Eltern der Absolventen ist es nicht leicht, ihren Kindern die Tür zu einem neuen Leben aufzustoßen: Neun Monate fehlen die dringend benötigten 50 Taka Tageslohn. Die Caritas zahlt jedem Schüler als Verdienstausfall ein Stipendium von zehn Taka am Tag. Manch einer versucht, dieses Geld zu sparen und hat so später den Grundstock für eine eigene Werkstatt. Drei Jahre lang werden die Absolventen noch von der Caritas betreut, bekommen zudem einen Kleinkredit als berufliche Starthilfe.

Im Distrikt Gazipur in Zentral-Bangladesch leben die Adivasis. Ureinwohner, die tief in den Wäldern hausen. Menschen zweiter Klasse in einem ohnehin armen Land. Die wenigsten Kinder gehen hier zur Schule, ihre Eltern sind Tagelöhner. Den Weg zu ihnen haben die Caritasleute über die Missionsschwestern in Faucal gefunden.

Eine Mutter lässt uns ins Haus rufen. Die Frau ist im Dunkeln kaum zu erkennen, sie liegt hinterm Bett auf dem harten Boden. Sie ist gelähmt. Beim Holzsammeln war ein Baum auf ihre Brust gefallen. Als die Verwandten auf ihrem Körper schwarze Flecken entdeckten, sprachen sie von den Spuren des Teufels und holten die Verunglückte aus dem Krankenhaus. Seit einem Jahr liegt die Mutter hilflos in der Lehmhütte und spürt, dass sie bald sterben muss. Noch einmal möchte sie mit ihren beiden kleinen Söhnen fotografiert werden. Die Begegnung schockiert.

An diesem Tag sind sieben Mädchen und fünf Jungen in die Missionsstation gekommen, sie alle hoffen, in die "Mobile Trade School" aufgenommen zu werden. "Es werden nicht viele Chancen kommen, nutzt diese", motiviert Elvira Greiner. Viele haben das begriffen. "Ich habe meinem Vater gesagt: ,Gib mir die neun Monate, es lohnt sich"", erzählt ein Junge. Und die 15-jährige Anchona schämt sich, weil sie weder rechnen noch schreiben kann. Der Vater starb vor acht Jahren - die Tochter hatte keine Chance.

Shumon träumt von einer eigenen Werkstatt. Mit diesem Gefühl ist er anderen Mädchen und Jungen weit voraus. Denn die meisten wissen nicht einmal, dass es Träume gibt.



Mutter Parboti ist nach einem Unfall im Wald seit einem Jahr gelähmt, hat Angst zu sterben und bittet um ein letztes Foto mit ihren Söhnen Sajib und Sojol.  Fotos: Gabi Novak-Oster



In einer Hütte aus Wellblech werden die Weichen für eine gute Zukunft gestellt. Ein Lehrer erklärt den Schülern, wie Motoren funktionieren.

Das ist die Gegenwart: Die meisten Kinder wachsen in ärmlichen Verhältnissen auf und haben alleine keine Chance auf ein besseres Leben.