"Manidham Grameen System" - Eine von armen Frauen genossenschaftlich organisierte Mikrokreditinitiative
Projektidee und Beginn des Projektes Die Andheri-Hilfe unterstützt seit 1997 die kleine indische Nichtregierungsorganisation "Women Education Development Trust" (WED) - geleitet von Mrs. Mariya Muthu und Mr. Anthoni Samy - beim Aufbau von Frauengruppen im Rahmen von Dorfentwicklungsprojekten. In den Frauengruppen spielte die Einrichtung interner Spar- und Kreditsysteme mit selbst angesparten Kleinstbeträgen neben der gemeinsamen Lösung sozialer und gesellschaftlicher Probleme eine große Rolle. Die Bedeutung des Zugangs zu Kleinkrediten für Frauen wurde zunehmend erkannt. Inspiriert von der bangladeschischen Grameen Bank wurde im Dialog mit den Gründungsmitglieder von WED, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sowie den Frauen in den Dörfern und Slums ein an die lokalen Bedingungen angepasstes Spar- und Kreditsystem entwickelt. Seit 2001 arbeitet WED systematisch an der Fortentwicklung und Verbreitung einer von den lokalen Frauengruppen getragenen Mikrokreditinstitution. Diese "people’s bank" bekam den Namen "Manidham Grameen". Manidham bedeutet in der Lokalsprache Tamil Menschenwürde. Im August 2004 wurde die "Manidham Grameen Savings and Credit Services Ltd." (MGSCS) offiziell unter dem "Company’s Act" als gemeinnütziger Mikrofinanzdienstleister registriert. Ein großer Erfolg und wichtiger Schritt, um eine nachhaltige Institution aufzubauen. Die genossenschaftlich organisierte Bank hat inzwischen 16.230 Mitglieder (share holders) aus 1525 Frauenselbsthilfegruppen. Diese Mikrokreditinitiative ist somit das konsequente Ergebnis bzw. die Fortführung der langjährigen Dorf- und Slumarbeit von WED im Rahmen kleinerer Einzelprojekte. Die Projektregion hat sich in den letzten Jahren stark ausgedehnt und umfasst heute fünf Distrikte des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu: Thiruvallur, Vellore, Chennai, Tiruvannamalai und Kanchipuram sowie die Distrikte Nellore und Chittor im benachbarten Bundesstaat Andrah Pradesh. Sie ist zur Zeit in 21 Zweigstellen aufgeteilt. 348 Dörfer, 24 Slumgebiete und 88 weitere Stadtaußenbezirke sind zur Zeit am Projekt beteiligt.
Diese Mikrokreditinitiative richtet sich an die Mitglieder von zur Zeit 1525 gut funktionierenden Frauengruppen. Fast alle Mitglieder der genossenschaftlichen Bank (MGSCS) sind Frauen. Insgesamt gehören den Selbsthilfegruppen 23.615 Frauen an, so dass es noch ein großes Potential für weitere „share holders“ der Bank gibt. Männer haben eine eher unterstützende Funktion für die Mikrokreditinitiative. Unter den Mitgliedern sind nur wenige Männer; es handelt sich um Mitarbeiter von WED und Angestellte der eigenen genossenschaftlichen Molkerei.
Bisherige Ergebnisse der Projektarbeit Die aktuelle Projektarbeit baut auf der bisherigen Arbeit und den Erfahrungen in der Dorfentwicklung und dem Aufbau von Frauengruppen auf. Die Organisation in Selbsthilfegruppen ist für die Frauen der entscheidende Schritt, ihre Armut an den Wurzeln zu bekämpfen und als Frauen eine gleichberechtigte Stellung in Familie und Gesellschaft einzunehmen. Sie lernen, die Ursachen ihrer Probleme zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. Sie haben auch erfahren, dass sie gemeinsam stark sind. Mit viel Engagement und Fürsorge untereinander wurden erstmalig soziale, politische und ökonomische Fortschritte erzielt. Nicht zuletzt haben diese Frauen mühsam Kleinstbeträge angespart und betreiben mit diesem Kapital ein internes Spar- und Kreditsystem. Diese Erfahrungen im Management von Kleinstkrediten waren die Voraussetzung, heute mit größeren Beträgen erfolgreich zu wirtschaften. Zahlreiche Einkommen schaffende Maßnahmen im landwirtschaftlichen wie auch nicht landwirtschaftlichen Bereich konnten verwirklicht werden, sowohl in Einzelunternehmen als auch in kooperativer Form. Zur Zeit 1525 gut funktionierende lokale Frauengruppen mit 23.615 Frauen bilden den Hintergrund der genossenschaftlichen Bank „Manidham Grameen Savings and Credit Services Ltd.“, die im August 2004 offiziell unter dem „Company’s Act“ als gemeinnütziger Mikrofinanzdienstleister registriert wurde. Heute hat die Bank 16.230 Mitglieder (share holders), die ihren Anteil eingebracht haben (bisher rund 104.000 Euro). Die Ersparnisse der Frauen belaufen sich auf zusätzlich rund 130.000 Euro, die ebenfalls zum Kapital der Bank gehören. Darüber hinaus haben die Frauen in den Selbsthilfegruppen rund 434.500 Euro angespart. Mit diesem Geld betreiben sie ihr internes Spar- und Kreditsystem weiter. Die nationalen Banken erkennen das Kreditsystem von WED in hohem Maße an. In der Vergangenheit hat WED von drei nationalen Banken Kredite im Umfang von 40 Millionen Rupien (ca. 700.000 Euro) aufgenommen und diese an die Mitglieder der Selbsthilfegruppen mit großem Erfolg weiter verliehen. Durch den Zusammenhalt der Frauengruppen an der Basis, soziale Kontrolle und die Identifikation mit ihrer Bank werden sehr gute Rückzahlungsraten (97 %) erreicht. Die Nachfrage an Krediten übersteigt jedoch die finanziellen Möglichkeiten (Kapitalfonds). Bisher wurden bereits Kredite in Höhe von insgesamt rund 1.230.000 Euro über die Bank vergeben. In den Selbsthilfegruppen haben sich die Frauen darüber hinaus Kredite in Höhe von insgesamt rund 472.000 Euro zur Verfügung gestellt (internes Spar- und Kreditsystem). Die Zweigstelle in Kavarapettai im Distrikt Thiruvallur wurde als erste im Jahr 2001 gegründet. Die Frauen haben mit ihren Krediten z.B. Land und Milchkühe erworben. Gemeinschaftlich bestellen sie das Land, bauen Gemüse ökologisch an und beliefern Hotels mit Milch. In einigen Dörfern leisten alle Mitglieder einen Beitrag, um die Aussteuer in Form von Küchenutensilien für die Heirat einer Tochter zu finanzieren. Andere Gruppen haben zusammen dafür gesorgt, dass ihr Dorf jetzt eine öffentliche Telefonzelle besitzt. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht mehr auf private Geldverleiher zum Überleben angewiesen sind. Noch kann sich die Bank nicht selber tragen. Projektziel der aktuellen Phase ist es daher, die Mikrokreditinstitution „Manidham Grameen Savings and Credit Services Ltd.“ (MGSCS) organisatorisch und finanziell auf eigene Füße zu stellen, um armen und benachteiligten Frauen dauerhaft Zugang zu Krediten und somit nachhaltiger und integrierter Entwicklung zu gewährleisten. Zum besseren Verständnis der Projektinhalte wird im Folgenden das Konzept der Mikrokreditinstitution „Manidham Grameen Savings and Credit Services Ltd.“ (MGSCS) kurz erläutert: Geleitet wird die Bank von einem Vorstand, in dem sowohl gewählte Mitglieder aus den Dörfern (8 Frauen, die Mitglieder der MGSCS sind) als auch von WED ausgewählte Verantwortliche (7) vertreten sind. Mr. Anthoni Samy, einer der Gründer des WED Trust und Projektverantwortlicher, ist der „Chairman“ und "Managing Director" von MGSCS. Diese Kombination gewährleistet die Selbstbestimmung der armen Frauen und gleichzeitig die erforderliche Professionalität. WED mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wird sich in der Zukunft Schritt für Schritt zurück ziehen und einen Großteil der Verantwortung in die Hände der Dorf- und Slumfrauen legen. Bis an die Basis mit ihren Frauengruppen bestehen weitere organisatorische Ebenen, jeweils mit gewählten Vertretern, die in Komitees zusammenarbeiten: Area Office auf Distriktebene, Branch = Zweigstelle (ein Gebiet mit mehreren Dörfern), Centre (Dorf), Selbsthilfegruppe mit 16-20 Mitgliedern und „Like minded groups“ mit 5 Mitgliedern. Die Komitees auf den einzelnen Ebenen erfüllen spezifische Aufgaben. Die „Like minded groups“ als kleinste Einheit gewährleisten eine starke Beteiligung jeder einzelnen Frau und aktive gegenseitige Unterstützung. Die Föderationen der Selbsthilfegruppen auf Dorfebene sind z.B. für Kreditrückzahlung oder Fragen der Dorfentwicklung zuständig. Auf Distriktebene können Marketingprobleme gelöst und Fortbildungen organisiert werden. Das Projektpersonal ist auf der Ebene der Zweigstellen angesiedelt. Aus jeder Familie - im Sinne einer Kernfamilie - kann nur eine Frau Mitglied in der Bank werden. Es wird eine einmalige Eintrittsgebühr von 40 Rupien (60 Rupien sind etwa 1 Euro) erhoben, sie muss Anteile in Höhe von 50 mal 10 Rupien erwerben, der Monatsbeitrag ist 2 Rupien und es müssen pro Woche mindestens 5 Rupien in der Selbsthilfegruppe angespart werden. Kreditanträge werden auf der untersten Ebene gestellt und durchlaufen dann - je nach Kredithöhe - mit Empfehlungen die höheren Ebenen bis zur Zweigstelle, die auch für höhere Summen entscheidungsbefugt ist. Die Höhe eines Darlehens variiert zwischen umgerechnet 10 und 300 Euro - in Abhängigkeit vom Kreditzweck, Mitgliedsdauer und Rückzahlung vorheriger Kredite. Die Höhe der Zinsen ist von den verschiedenen Kreditlinien abhängig. Im Falle eines Unfalls werden keine Zinsen verlangt, bei einem Kredit für einen Krankenhausaufenthalt 12%, für einkommensschaffende Maßnahmen 18% und für Familienbedürfnisse und Konsumkredite 20%. In Notfällen werden die Kredite sofort bewilligt und ausgezahlt, in anderen Fällen werden für die Bearbeitung und Auszahlung 1-2 Wochen benötigt. Der Profit wird zweigleisig verwendet, zu sozialen Zwecken und um die Institution langfristig selbst zu tragen. Er wird eingesetzt zur Finanzierung eines Reservefonds (20%), für die administrativen Kosten (Personal, Fortbildungen etc.) (50%) sowie einen Wohltätigkeitsfonds (30%). Letzterer ermöglicht die Auszahlung von Zuschüssen, zinslosen Darlehen sowie die Einrichtung eines Kreditfonds für die weiterführende Ausbildung von Kindern aus armen Familien. So wird einerseits der - um auf Dauer erfolgreich zu sein - notwendigen Professionalität im Bankgeschäft Rechnung getragen. Gleichzeitig spiegeln sich soziales Bewusstsein und Engagement der Frauengruppen in der Satzung der Bank wieder. In dieser Kombination werden auch die Ärmsten der Armen erreicht, Armut kann erfolgreich reduziert und nachhaltige Entwicklungsprozesse angestoßen werden. Um das Projektziel zu erreichen, fördert die Andheri-Hilfe bis Ende 2009 konkret folgende Aktivitäten und Maßnahmen der lokalen Partnerorganisation WED:
Das Projektpersonal, welches ausschließlich aus der Projektregion stammt, ist auf der Ebene der 21 Zweigstellen angesiedelt und besteht jeweils aus einem Leiter und 5 Bankmitarbeitern. Diese Mitarbeiter sind das Verbindungsglied zu den Frauen in den Dörfern und Slums. Ein Teil des notwendigen Personals (insgesamt 16 Mitarbeiter) kann bereits aus Zinseinnahmen selbst getragen werden. Budgetposten wie Personal und Ausbildungen werden mit abnehmenden Raten zur Finanzierung durch die Andheri-Hilfe veranschlagt und der Weg in die Eigenständigkeit und Nachhaltigkeit so vorgezeichnet. Insgesamt tragen die Partnerorganisation WED und die Frauen mehr als die Hälfte der Projektkosten bei (16 Mitarbeiter und 40 % der Programmkosten). Planungen Um die Ausweitung der Mitgliederschaft sowie die organisatorische und finanzielle Selbstständigkeit der Bank zu fördern, planen wir zur Zeit ein umfangreiches Projekt, für das wir einen Zuschuss beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beantragen wollen. Es wird erwartet, dass die Bank (MGSCS) in ca. 4-5 Jahren organisatorisch und finanziell eigenständig und nachhaltig funktioniert. Neben Zinsen und Bearbeitungsgebühren sollen eine eigene Molkerei und andere Einkommen erwirtschaftende Unternehmen zur finanziellen Nachhaltigkeit beitragen. "Manidham Grameen System" als Modellprojekt Die Mikrokreditinitiative "Manidham Grameen System" ist ein über viele Jahre gewachsenes Projekt und das Ergebnis der jahrelangen Basisarbeit der von der Andheri-Hilfe unterstützten lokalen Partnerorganisation WED. Arme und benachteiligte Frauen im ländlichen Raum Tamil Nadus als auch in Slums der Großstadt Chennai haben sich in Gruppen zusammengeschlossen, die ihnen ermöglichen, ihre Meinung auszudrücken und Stellung zu beziehen. Durch angepasste Schulungsangebote erhalten sie Zugang zu Informationen und Wissen, das die Voraussetzung für die Stärkung ihrer Selbsthilfekapazitäten ist. Sie erwerben Kompetenzen, Probleme zu analysieren und gemeinsam zu lösen, im Umgang mit Finanzen, im Bereich Management und technische Fähigkeiten. Durch den Zugang zu Kleinkrediten - zunächst in Form interner Spar- und Kreditsysteme - wird ihr wirtschaftliches Potential und damit auch ihr Einfluss verbessert. Zahlreiche soziale, Einkommen schaffende und entwicklungsrelevante "Kleinprojekte" können so von den Frauen erfolgreich gemeistert werden. Dadurch werden ihr Selbstvertrauen und ihr gesellschaftlicher Status gestärkt. Traditionell als Entscheidungsträger in Familie und Gesellschaft marginalisiert, spielen sie eine zunehmend aktivere und akzeptiertere Rolle sowohl in häuslichen Angelegenheiten als auch im politischen und institutionellen Leben ihrer Gemeinschaften. Die Ausgestaltung dieser genossenschaftlichen Bank spiegelt die besonderen Bedürfnisse der Zielgruppe - arme und benachteiligte Frauen - wieder. Verschiedene Regelungen gewährleisten, dass auch die Ärmsten der Armen Zugang zu Krediten haben und von dem Projekt profitieren. Bemerkenswert ist die Kombination von finanztechnischer Professionalität und sozialen Elementen in der Satzung der Bank. Damit soll einerseits die langfristige organisatorische und finanzielle Nachhaltigkeit der Institution und gleichzeitig soziale Gerechtigkeit erreicht werden. Manidham Grameen Savings and Credit Services ist eine beispielhafte und innovative von armen Frauen an der Basis selbst getragene Mikrokreditinitiative.
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